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Die Stadt im Grauen

Als ich unlängst auf dem Geburtstags meines Lieblingsonkels das Privileg hatte in dem kleinen Dorf Niederklein (Landkreis Marburg-Biedenkopf) zu verweilen, nutzte ich die Zeit um eine kleine Runde durch den Ort zu drehen und mich etwas umzuschauen. Ich bin bislang immer mit dem Auto durch diese Ortschaft gefahren und wurde auf meinem Trip "per pedes" eines Details gewahr, das ich zuvor noch nie wahrgenommen hatte.

Eine Reichspride-Flagge?

Eigentlich musss ich ja sogar in meiner ehemaligen Heimatstadt Stadtallendorf beginnen. Diese Stadt war während des zweiten Weltkrieges eine der größten Produktionsstandorte für Sprengstoffe und Bomben in Deutschland. Nach dem Krieg wurden die dort gebauten Bunker attaktive, kostengünstige und vor allem unzerstörbare Immobilien in denen sich schnell Industrie ansiedelte.

Gusseisen, Schokolade und Gülle

Diese drei Worte beschreiben jeweile eine der drei olfaktorischen Geruchsvarianten die in Stadtallendorf vorherrschen. Die zwei größten "Geruchsemitter" vor Ort ist die Eisengießerei Fritz Winter und die Ferrero Schokoladenfabrik. Daneben sind Firmen wie Hoppe (Türbeschläge und Fenstergriffe) und diverse Betriebe die sich als Zulieferer und Dienstleister der großen Unternehmen angesiedelt haben. All diese Unternehmen haben einen ganz spezifischen Geruch de, je nach Windrichtung, die gesamte Stadt überziehen. Die Eisengießerei sondert einen metallisch-chemisch, süßlichen Geruch ab, die Firma Ferrero riecht nach Waffeln und von Land her riecht man die gegüllten Felder. Die restlichen Unternehmen zwängen sich geruchsstechnisch zwischen diese dominierenden Aromen.

Wie das Ruhrgebiet vor 30 Jahren

Der Bahnhof empfängt Besucher der Stadt standesgemäß

Die Stadt hat einen ganz besonderen Charm. Es ist als hätte eine Industriestadt mit einem Dorf ein hässliches Kind gezeugt. Ein sehr hässliches Kind. "Die junge Stadt im Grünen" wie sich Stadtallendorf bezeichnet ist beste Realsatire.

Die Eisengießerei legt durch ihre Ausgasungen einen Teppich von dunklem Niederschlag auf die Häuser. Die Innenstadt ist gruselig. In den letzten Jahren haben sich in der Peripherie von Stadtallendorf größere Einkaufszentren angesiedelt. Dadurch ist die ehemalige Shoppingmeile zu einem Trauerspiel ohne Gleichen verkommen.

Klar, dieses Schicksal teilt sich Stadtallendorf auch mit vielen anderen Kommunen, aber hier ist die Trostlosigkeit noch besser zu spüren. Aber lassen wir Bilder sprechen.

Innenstadt_Stadtallendorf
Hier steppt der Bär
Innenstadt_Stadtallendorf
Hier war mal vor Jahren ein HaWeGe (Heute Tegut)
Infobox
Das einzige was hier abgeht sind die Magnete
Hier gibt es noch nicht mal Rollbüsche

Ok, es war ein nebeliger Sonntag und ich habe auch einfach keine gute Meinung von diesem Ort. Sehen wir diesen Beitrag nicht als Verunglimpfung der Stadt sondern als therapeutische Maßnahme für mich.

Der Hessentag im Jahr 2010 hat wenigstens zu der Sanierung des Bahnhofes und des Parks geführt. So langsam gleichen sich die aufgehübschten Teile der Stadt wieder an die Tristesse des Restes an.

Einer von gefühlt 200 Friseursalons. Dieser war der mit dem dämlichsten Namen.

Eine eigene Welt

Stadtallendorf ist eine Insel in Mittelhessen. Hier lebt und arbeitet man und scheut nicht oft über den Tellerrand. Das ist gar nicht böse gemeint. Man lebt hier halt in seiner Blase und wer das mag dem kann ich das auch nicht übel nehmen. Stadtallendorf hatte bei der letzten Europawahl die niedrigste Wahlbeteiligung in ganz Hessen. Nur 43,4% der Einwohner haben gewählt. Das spricht Bände.

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